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Artikel vom 09.01.2004 Druckausgabe von Artikelnummer     Lokales 2974

Durch die Vergangenheit in die Zukunft - Gedenkenfeier in Warmbad

In Warmbad im Südosten Namibias erhob sich vor über 100 Jahren das Volk der Bondelswarts gegen die deutschen Kolonialherren - Auslöser für die Aufstände von Herero und Nama 1904. Mit einer farbenfrohen und versöhnlichen Gedenkfeier erinnert sich das Volk an die traurigen Ereignisse und besinnt sich auf seine Herkunft.

Langsam windet sich die Menschenschlange den kleinen Berg hinauf. Oben angekommen, setzen sich Männer und Frauen auf die Felsränder der Kuppe. Ein natürliches, kleines Amphitheater, hoch über der Ebene, dem trockenen Flussbett und dem kleinen Ort jenseits des Laufes. Stille. Nur der Wind ist zu hören. Und dann die heisere Stimme eines älteren Mannes. In vokalreicher, von Schnalzlauten durchsetzter Sprache erzählt er eine Geschichte. Deutet dabei auf diesen geschützten Platz, und dann wieder in Richtung des Ortes. Mit leuchtenden Augen und immer wieder nickend hören die anderen ihm zu.

Die Prozession auf den Berg ist Auftakt des Kulturfestes der Bondelswarts, das jedes Jahr am letzten oder vorletzten Wochenende im Oktober in Warmbad stattfindet. Auf der Bergkuppe erzählt Josef Rooi, der Geschichtskundige des Volkes, wie Späher der Bondelswarts einst hier gerastet hatten und dann durch ihre Hunde auf die warmen Quellen am anderen Ufer des Hom Riviers aufmerksam gemacht wurden - die Gründung des Ortes /Aexa-aibes (heißer Dampf) oder auch /Aexa/aus (heiße Quelle), der heute Warmbad heißt.

Das Datum des Festes Ende Oktober dagegen erinnert an ein trauriges Ereignis, das die Geschichte der Bondelswarts und der Namibias entscheidend geprägt hat. Am 25. Oktober 1903 wird Kapitän Jan Abraham Christiaan von Schutztruppen-Leutnant Walter Jobst und seinen Soldaten erschossen. Der Vorfall, der auch Jobst und zwei seiner Begleiter das Leben kostet, löst eine Kettenreaktion aus: Die Bondelswarts erheben sich gegen die deutsche Kolonialherrschaft, die Schutztruppe verlegt ihre Verbände in den Süden der Kolonie, das Volk der Herero im Landeszentrum nutzt die Gunst der Stunde und beginnt im Januar 1904 seinen bereits geplanten Aufstand. Mehrere Volksgruppen der Nama im Süden greifen im Oktober 1904 zu den Waffen. Die Kämpfe enden mit Niederlagen, mit Gefangenschaft und vielen Toten, mit dem Verlust des Landes.

Die Kriege haben eine Vorgeschichte. Seit 1884, als das Deutsche Kaiserreich einen Landstreifen an der Küste unter seinen Schutz stellt, verkaufen Führer der einheimischen Völker Land oder Schürfrechte. Mit dem Geld begleichen sie ihre Schulden bei Händlern. So verlieren die Einheimischen mehr und mehr Land - und damit Weidegebiet für ihr Vieh, die Grundlage ihrer Existenz. Flankiert wird diese Entwicklung von der Politik des Teilens und Herrschens von Gouverneur Theodor Leutwein, der den Führern der Völker in Konflikten untereinander wechselseitig beisteht und ihnen ein Gehalt für loyales Verhalten zahlt.

Das gleiche Bild bei den Bondelswarts. Kapitän Willem Christiaan schließt 1890 einen Schutzvertrag und lässt später die Stationierung von Schutztruppen-Soldaten zu. Sein Sohn Jan Abraham steht den Deutschen kritischer gegenüber. Als er nach dem Tode seines Vaters 1901 die Führung der Bondelswarts übernimmt, sind die Deutschen nicht begeistert. Dennoch zahlen sie ihm sein Gehalt. Im Zuge von Sparmaßnahmen kürzt die Verwaltung den Betrag jedoch später. Hinzu kommen mehrere Jahre Dürre im Süden und eine Hungersnot. Als sich im Oktober 1903 der stellvertretende Distriktchef Leutnant Jobst in einen internen Streit um eine Ziege einmischt, den Kapitän vorladen lässt und ihn nach dessen Weigerung erschießt, läuft das Fass über.

Am 27. Januar 1904 vereinbaren die Deutschen in Kalkfontein Süd (heute Karasburg) mit den Bondelswarts einen raschen Frieden, um sich den Rücken frei zu halten für den Kampf gegen die Herero. Aber ab April 1905 schließen sich mehr und mehr Bondelswarts den Aufständischen unter Jakob Marengo (auch fälschlich Morenga genannt) und den Morris-Brüdern an. Nach zähem Widerstand geben sie 1906 auf und müssen ein Großteil ihres Landes abtreten. 1922 erheben sie sich nochmals, diesmal gegen die Herrschaft Südafrikas, das die deutsche Kolonie nach dem I. Weltkrieges verwaltet. Die Südafrikaner setzen Flugzeuge ein und werfen Bomben ab. Die Niederlage bricht den Bondelswarts das Rückgrat. Der nächste Schlag folgt in den Sechziger Jahren, als Südafrika das Volk im Rahmen des Odendaal-Plans umsiedelt ins 350 km entfernte Gibeon, wo noch heute einige Bondelswarts leben.

Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes geht an Warmbad vorbei: Die Deutschen legen die Eisenbahnlinie 45 km weiter nördlich durch Karasburg; die später geteerten Hauptstraßen nach Südafrika werden durch Karasburg und das 120 km westlich gelegene Noordoewer geführt. In den Achtziger Jahren macht der Niedergang der Preise für Karakulfellchen viele Bondelswarts arbeitslos, die auf den Karakulfarmen im Süden beschäftigt waren.

Bei Regenfall von weniger als 100 mm pro Jahr bietet das kommunale Land kaum Weide für das Kleinvieh. Die Wellblechsiedlung auf dem Kommunalgebiet südwestlich des Ortes Warmbad zählt heute etwa 500 Haushalte (zu je drei oder mehr Personen), von denen vielleicht zwei Dutzend knapp über 1000 Namibia Dollar im Monat zur Verfügung haben; mehr als 250 Haushalte leben von der staatlichen Mindestrente des Familienoberhauptes von N$ 250.

Im Ort selbst gibt es ein Geschäft, einen Spirituosenladen, eine Klinik, eine Grundschule. Nur wenige können ihre Kinder ins Schülerheim der höheren Schule in Karasburg schicken. Wer zu den Glücklichen gehört, der den Abschluss nach der 12. Klasse schafft und dann irgendwo Arbeit findet, den zieht es kaum zurück in seinen Geburtsort. So ist es kein Wunder, dass Warmbad den Eindruck eines sterbenden Ortes erweckt: Viele Gebäude stammen noch aus der Kolonialzeit und sind verfallen.

Vom Verfall bedroht scheint auch die Kultur der Bondelswarts. Um dem entgegenzuwirken, hat der traditionelle Rat unter dem weiblichen Kapitän Anna Kathrina Christiaan, Urenkelin von Jan Abraham, vor elf Jahren das Fest der Bondelswarts ins Leben gerufen: Ende Oktober versammeln sich Angehörige des Volkes in Warmbad, um sich auf die gemeinsame Vergangenheit zu besinnen, um im Miteinander Kraft zu schöpfen für die Gegenwart und um ihre Identität und ihre Kultur für die Zukunft zu bewahren.

Am ersten Tag der Zusammenkunft, einem Freitag, erinnern Sprecher der Gemeinschaft an die Herkunft des Volkes: Zwei Brüder, die das Nordufer des Oranje betreten hatten, seien in Streit geraten. Der Ältere habe fortan mit dem Jüngeren kein Wort mehr gewechselt. Er habe dagesessen mit gesenktem Blick, verschlossen, wie ein Bündel Holz - im Afrikaansen sei daraus 'Bondel' geworden. Der Zusatz 'swart', so erfährt man, beruhe allerdings auf einer Verwechslung: Die Nama-Wörter für 'sitzend' und 'schwarz' würden sehr ähnlich klingen. Am Nachmittag folgt die eingangs beschriebene Prozession auf die historische Bergkuppe, die von einem weiß angemalten Felsen gekrönt wird.

Samstag und Sonntag sind dem ehemaligen Kapitän Jan Abraham Christiaan gewidmet. Auf dem Platz in der Siedlung wird ein Schauspiel über seinen Tod aufgeführt - neben dem weiß angemalten Felsen, der jene historische Stelle markiert, an der Christiaan damals fiel. Zum Schluss folgen alle Anwesenden Kapitän Anna Kathrina Christiaan zum nahegelegenen Grab ihres Urgroßvaters. Von Groll oder Hass ist während der Feierlichkeiten übrigens keine Spur, im Gegenteil: Ähnlich wie beim Hererotag in Okahandja spürt man als Fremder bei den Bondelswarts, dass sie sich über das Interesse an ihrer Kultur und Geschichte und über die Anteilnahme freuen.



Zum hundertjährigen Gedenken im Oktober letzten Jahres hätten sie sich auch über offizielle Vertreter der deutschen Regierung gefreut, die ja schließlich als Rechtsnachfolger des Kaiserreiches eine Verantwortung für die Ereignisse damals trägt. Die deutsche Botschaft in Windhoek habe einen Antrag auf Finanzierung eines Gedenksteins abgelehnt, sagt Fest-Organisator Josef Rooi. Er bedanke sich jedoch dafür, dass sie eine neue Grabumrandung aus Mamor gestiftet habe. Die Botschaft begründete die Ablehnung des Antrags damit, dass bereits zuvor Geld aus Berlin erbeten worden sei für die Überführung der Gebeine eines im Ausland gestorbenen Herero-Führers; ein zweiter Antrag ähnlicher Natur habe angesichts des Sparkurses in Deutschland keinerlei Aussichten auf Erfolg. Daraufhin sei aus eigenen, äußerst begrenzten Mitteln die Grabumrandung gestiftet worden. Die Botschaft bedauert zudem, nicht eingeladen worden zu sein; das gleiche gilt für die Kriegsgräberfürsorge Namibia, die den Mamor in Karibib bestellt und Vertretern der Bondelswarts in Windhoek übergeben hat.

Der Chef des Auswärtigen Amtes, Joschka Fischer, war übrigens nur wenige Tage nach der Gedenkfeier der Bondelswart in Windhoek. Dabei bestätigte er noch einmal die bisherige Position der Regierung zum Thema "Verantwortung für die Kolonialkriege": Aufgrund der gemeinsamen Geschichte gewähre man Namibia bevorzugt Entwicklungshilfe. Eine direkte Wiedergutmachung für einzelne Völker komme jedoch nicht in Frage.

Die Bondelswarts blicken nicht nur zurück, sondern auch nach vorn. Ihre Zukunftsperspektive sehen sie vor allem im Tourismus. Nachdem die Regierung Namibias das Grundstück mit den warmen Quellen aus privater Hand zurück gekauft hat, soll das Badehaus renoviert und das Schwimmbecken ausgebessert werden. Geplant sind ein Campingplatz, ein kleines Restaurant und vielleicht sogar einige Bungalows - im Stile traditioneller Nama-Hütten. Der Minister für Regional- und Kommunalverwaltung sowie Wohnungsbau, JoŽl Kaapanda, hat während der Übergabe der Quellen auf dem jüngsten Bondelswarts-Fest sogar gemeint, dass Warmbad in zwei Jahren ein geschäftiger Ort sein werde.

Allerdings zeigen frühere Projekte, dass die Erwartungen nicht zu hoch geschraubt werden sollten: Ein Museum zur Geschichte der Bondelswarts, das im April 2002 feierlich eröffnet worden war, zieht nach Angaben von Timotheus Morris, Mitglied des Tourismus-Komitees, gerade einmal fünf Reisende pro Woche an; viele davon würden sich weigern, die N$ 10 Eintritt zu bezahlen. Experten der Reisebranche weisen zudem darauf hin, dass Warmbad weitab der üblichen Touristenrouten liege. Doch das soll sich ändern. Die Namibia Community Based Tourism Association (Nacobta) hat vor, historische Routen der Nama-Völker zu vermarkten. Auf einer dieser Routen liegt Warmbad. Und der Ort hat viele historische Stätten zu bieten, darunter das alte Missionshaus, die Kirche von 1877, die Kamelställe der deutschen Schutztruppe und nicht zuletzt den Friedhof, auf dem Gräber von Führern der Bondelswarts, Leutnant Jobst und anderen Schutztrupplern und von südafrikanischen Soldaten friedlich vereint sind.

Es bleibt den Bondelswarts zu wünschen, dass ihre Tourismus-Pläne Erfolg haben. Und dass ihnen die Geschichte, die sie bislang so ungnädig behandelt hat, auf diesem Wege nun Wiedergutmachung leistet und eine bessere Zukunft ermöglicht...


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